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Pferd und Preisangabe

Das ausgeschnittene Pferd mit der zugeordneten Preisangabe hat offensichtlich attributiven Charakter. Der schöpferisch-spielerische Impetus Schwitters produziert hier kurzerhand das Dadasteckenpferdchen als Rennpferd, das gerade einem Lexikon entschritten zu sein scheint. Und wird so dem gelehrten Dadasophen Hausmann gerecht. Zum Verständnis der Bedeutungsmöglichkeiten des Preisschildchens "3 Pf." kann ein Hinweis zu den kommerziellen Aussichten von Avantgardekünstlern im Jahr 1921 nützlich sein.Denn in diesem Jahr gab es in dieser Hinsicht eklatante Unterschiede von Merz-Hannover und Dada-Berlin. In den Inflationsjahren bis 1923, die einen unerhörten Boom für moderne Kunst mit sich brachten, galt Schwitters in Kunstkreisen als l homme d’affaires Kommerzkünstler im wahrsten Sinn des Wortes. Dazu stand er auch, denn er verdiente zwar keine Vermögen, aber seine Planungen klappten. Er war groß gewachsen, rechnete und organisierte gern und produzierte sich ungeniert und bei Bedarf hemmungslos. Kompromisse hinsichtlich bürgerlicher Bequemlichkeiten schloß er konsequent und zu seinem Vorteil. Er wohnte im Hause der Schwiegereltern; seine Ehefrau Helma war ihm ohne weiteres ergeben. Sohn Ernst (Ernstlemann sowie Ernst Lehmann) sah sich in seinem gerade begonnenen Lebensweg bereits kreativ eingebunden in die phantastisch-kinderfreundlichen Welten seines Vaters. Er wurde bedichtet, bebildert und verulkt, ganz wie es ein kleiner Junge liebt. Meerschweinchen bevölkerten die Idylle.Wohingegen Hausmann wie ein Unglücksrabe vor sich und anderen wütete. Er wurde deshalb durchaus bedauert, z.B. öffentlich von Emil Szittya, der lakonisch feststellte: Es sei schade, daß, während andere mit den Dadaismus unheimlich viel Geld verdienten, er (gemeint ist Hausmann) noch immer sehr arm leben müsste (1) Szittya vermerkte später kühl, daß Hausmann 1922 ein Bankkonto heirate. In diesem Sinne zeichnete Schwitters das Dadapferdchen für den Verkauf à la Hausmann aus, fast veschenkt für "3 Pf."
Eine platte Lesemöglichkeit, gewiß, aber Schwitters konnte sehr direkt sein. Seine Reklamezettelaktionen sind legendär. Und mit Plakaten an Litfaßsäulen, zuerst die 10 Gebote Gottes , eine Woche später sein Text, vermarktete er das Liebesgedicht "An Anna Blume". Es heißt dort:" Du bist von hinten wie von vorn A-N-N-A-". Genau wie Hannah . Das weiche "h" als letzter Buchstabe stammte zwar schon seit 1915 von Hausmann, und nicht, wie vielfach angenommen, von Schwitters Aber eine Anna Blume war sie natürlich für Schwitters unbedingt, denn: "Anna Blume ist die Dame neben Dir", hatte er treuherzig bekannt.
1. Szittya, Emil: Das Kuriositätenkabinett 1923
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