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Hannah Höch mit Raoul Hausmann

Hannah Höch war schon als junge Frau stark und selbstbewußt. Ihre Person beschäftigte die Phantasie von Männern, die ihren Kampf, ihre Siege und ihr Scheitern unterschiedlich interpretierten. Und sie reagierte. So visualisierte sie 1922 folgende Sentenz: Die Jungfrau pumpt feierlich Träume nacht verstopft Tandaradei balzt trott trott dunkel ist das Weltgewissen. (1) Ein Replik, so scheint es, auf den alltagsphilosophischen Inhalt einer Hommage Salomo Friedländers(2): " ... Im Grunde bist Du ein fabelhaftes und wunderbares Mädchen (..)" Wer sie begriffe sei "ein Kind", und "Ihr gleich". Er wollte sie als gesellschaftlich und geschlechtlich tätiges Wesen hier nicht erkennen. Dieses empfahl er auch anderen, die sie suchten, zu erkennen suchten. Und diese Empfehlung wirkt bis heute nach.Einer der sich von Höch auf vielfältigere Weise berufen und angezogen fühlt, ist Raoul Hausmann.(3) Im Kriegsjahr 1915, als erfolgloser Künstler, unzufrieden mit sich und der Welt, verheiratet und Vater einer gerade schulpflichtig gewordenen Tochter, braucht er Kraft, Schaffenskraft, Lebenskraft, Energie zum Weitermachen, zum Aufsteigen am Karrierehimmel Berlins.Hausmann ist seit seinem Schulabgang vor14 Jahren ein der kaiserlichen Gesellschaft Unangepaßter Als solcher hätte er, zum Künstler qualifiziert, perfekt in Berliner Bohèmekreise gepaßt. Aber dort wird er weder anerkannt noch sonderlich beachtet. Es fehlen ihm einfach zu viele Faktoren, um wirklich dazuzugehören. Um 1915 wirkt er nicht mehr sehr jung, er geht auf die 30 zu, hat ohne höheren Schulabschluß auch keine akademische Kunstausbildung. Am energischen Schaffen hindert ihn seit Jahren die Brotarbeit für Frau und Tochter. Er ist Typograph. Seine Ehefrau, Elfriede Hausmann-Schaeffer ist Musikerin, Geigerin und Bratschistin, die unterrichtet, währenddessen er sicher zuhause anwesend sein mußte, um auf das Kind zu achten. Es gibt Fotos glücklichen Familienlebens, als die Tochter Vera klein ist. Hausmann malt und zeichnet, versucht Verbindungen zu knüpfen und zu halten. Aber er findet keine Möglichkeit, auszustellen oder gar zu verkaufen. Der Krieg kommt, er wird wegen seiner starken Kurzsichtigkeit nicht eingezogen . Diese Fluchtmöglichkeit, die so viele seelisch unausgefüllte Künstler in Deutschland begeistert wahrnahmen, bleibt ihm also auch versperrt. Elfriede Hausmann-Schaeffer hatte sich von ihrem zehn Jahre jüngeren Ehemann innerlich schon so weit gelöst, daß sie nichts dagegen unternimmt, als er sich eine junge schöne Geliebte aus gutem Hause sucht. Hannah Höch war kreativ begabt, intelligent, fleißig, begeisterungsfähig und bereit, ihn zu stützen. Nicht nur mit ihrer Liebe. Sie schickte aus Gotha Birnen für die ganze Familie Hausmann, die nicht genug zu Essen hatten - schon 1915. Aber sie blieb ökonomisch unabhängig von ihm - den Umständen entsprechend - und arbeitete strikt nach ihren eigenen beruflichen VorstellungenHausmann dachte schon nach wenigen Wochen ihrer Bekanntschaft daran, einen Sohn mit Höch zeugen. (4) Wie Höch zu diesem Zeitpunkt darüber dachte, wissen wir nicht genau. Ihr Kinderwunsch war sicherlich stark, aber nicht stärker als ihr Sinn für die gesellschaftliche Wirklichkeit. 1916 und 1918 lehnte sie es ab, ihre Schwangerschaften zu Ende zubringen und den von Hausmann inzwischen sehnlichst gewünschten Sohn zu gebären. Anfang 1917 beklagt er in einem schmerzvollen Text "Mein Sohn Himmelblau" das frühe Dahinscheiden seines Sohnes. (5) . Höch dagegen forderte: zuallererst die entschiedene Trennung von seiner Ehefrau. Diese war und blieb ihm aber, besonders in ihrer Rolle als Therapeutin unverzichtbar. Beide, Höch wie Hausmann, sahen soziale und ökonomische Barrieren stark überhöht . So dachte Höch in Kategorien der Reinheit. Hausmann zitiert sie in seinen Briefen, die die Auseinandersetzungen über Jahre hinweg exakt belegen wie folgt: "Du seist so rein, daß Du ein Kind erst haben kannst, wenn der Ausgleich (Übereinstimmung mit dem Mann) da ist" und er setzt dagegegen:"Dein Ideal der reinen Jungfrau, die ihr Kind bekommt, ohne vom Mann etwas zu wissen - das ist unmöglich" (6)Es gab genügend soziale und praktisch-juristische Gründe, die einer im wahren Sinn des Wortes fruchtbaren Beziehung im Wege standen. So kann man Höchs Jungfrauenforderungen als Schutzbehauptungen verstehen. Aber besonders die Sublimierung ihrer Ziele in dem Gedankenkonstrukt um eine unbefleckte Empfängnis beflügelte Hausmanns Einbildungskraft.. In seinen phantasmagoratischen Höhenflügen entdeckte er sich auch immer wieder selber als Messias , unschuldiger Sohn der Jungfrau Höch Er war sich durchaus bewußt, was er wollte, wenn er Höch anflehte "Sei meine Mutter".(7) Im Volksmund wurde "unbefleckt" eher nur mit "unehelich" übersetzt (Anm Fleisser)Theweleit fiel auf, daß Utopisten sich häufig die Durchsetzung ihrer Ideen besonders im Zusammenhang mit der Zeugung eines eigenen Sohnes wünschen. Doch In Hausmanns Vorstellung ist " sein Sohn" gleichzeitig der neue Mensch und schon Bestandteil einer zukünftigen Ethik.So erinnert die schriftliche Auseinandersetzung von Höch und Hausmann um ihr selbstauferlegte Unfruchtbarkeitsgebot fatal an die Auswahltheorien zur Erhaltung der Volksgesundheit, die zu gleicher Zeit schon Eingang in die Fachliteratur gefunden hatten.(Anm. (Luise Bergmann ) Aufhebung dieses Gesetzes schien ihnen nur möglich bei einer Persönlichkeitsveränderung ins heroenhafte.Hier zeigt sich das groteske Mißverhältnis von wucherndem Größenwahn und ärmlichsten Mitteln, die gebrochene Stimmung zwischen visionärer Reinheit und niedrigsten Lüsten und Sehnsüchten. Höch sah für ihre eigene Person zunehmend Kompromisslösungen. Sie gab Hausmann seit 1917 zu verstehen, daß sie "ihren Weg allein gehen könne" ( Anm. ) Aber seine Antwort lautete unabänderlich: "...und ich bin zu stolz, um mir den Glauben gestatten zu können, daß mein Instinkt mich fehlgehen ließ in der Erkenntnis der Mutter meines Sohnes..." Und: "...ich bin der Einzige, der Vater Deines, der Einzigen Mutter, Kindes..."(8)
1.
2. "Im Grunde genommen bist Du ein fabelhaftes und wunderbares Mädchen - und wer Dich nicht begreift muss ein läppischer und vollkommen unmöglicher Bursche sein. Und wer Dich begreift? Der ist ein Kind, Dir gleich. Der ist sanft. Und manchmal sehr wild. Aber sehnsüchtig ist er sehr, und wenn er Dein Traummuseum sieht, dann wachsen ihm sofort sieben blaue Blumen im Herzen und er fängt wieder an zu glauben, dass es noch reine und menschliche Menschen gibt. Also Du bist ein Phänomen. Ausserdem zart wie ein Libellenflügel - und brauchst eine Mutter - oder einen Liebsten - oder einen Engel, der Dich enorm verwöhnt. Und Dir einen jungen Frühling mitten in die Seele hineinzuzaubern versteht. Ich küsse Dich und Du bist meine innige Freundin! Ich möchte Dich so gern bald sehen..."
Innigst Mynona
Abgedruckt in Hannah Höch. Fotomontagen. Gemälde Aquarelle. Kšln 1980 S. 38
3. Über die Beziehung Höch Hausmann seit neuestem ausführlich nachzulesen bei Hille, Karoline: Hannah Höch und Raoul Hausmann: Eine Berliner Dadageschichte. Berlin 2000
4. Raoul Hausmann an Hannah Höch Brief am 10./11.7. 1915 In: Hannah Höch.Eine Lebenscollage Band 1 Abt. 1 Berlin 1989 S.111.
5. Raoul Hausmann 5.1.1917 Manuskript veröffentlicht in Hannah Höch.Eine Lebenscollage Band 1 Abt. 1 Berlin 1989 S.260f
6. Raoul Hausmann an Hannah Höch Brief Buch Heidebrink 1918 In: Hannah Höch.Eine Lebenscollage Band 1 Abt. 1 Berlin 1989 S.431.
7. Raoul Hausmann an Hannah Höch Brief am 27. 4 1918 In: Hannah Höch.Eine Lebenscollage Band 1 Abt. 1 Berlin 1989 S.387. Er zitiert diese Stelle aus Meister Eckharts Schriften
8. Raoul Hausmann an Hannah Höch Brief Buch Heidebrink 1918 In: Hannah Höch.Eine Lebenscollage Band 1 Abt. 1 Berlin 1989 S.435.
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