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Über Freundschaftsbilder

Schwitters pflegte eine romantisch-bürgerliche Tradition der Freundschaftsbezeugung. Die Stempelzeichnung Der Kritiker von 1921 erscheint als ein Portrait Herwarth Waldens in seiner Funktionen als Kunstkritiker im damaligen Kulturbetrieb.(1) Er war gleichfalls Schwitters Galerist und Händler. Er stellte analog zur Wenzel Kind-Gruppe auch Sturmkünstler dar. Der Sturm: Zeichnung mit aufgeklebten Namen einiger entsprechender Künstler. Er hatte Hans Arp, Ludwig Bäumer und Otto Pferdeschmidt dargestellt. Annegreth Nill hat darauf hingewiesen, daß Schwitters nicht nur politische sondern auch dezidiert persönliche Kommentare zu Ereignissen und Verhältnissen seiner Umgebung abgab(2)Raoul Hausmann nannte sich Dadasoph und wurde auch als Philosoph akzeptiert, bzw stand die Person Hausmanns für ein Konglomerat von Ideen. Wenzel Kind war gewissermaßen der Unterbegriff von Dadasoph; Hausmann spielte die Rolle des Wenzel Kind im Theater Dada. Und zwar eben nicht als guter Schauspieler, sondern eher im Charakter einer Performance: sich die eigenen psychischen Störungen vom Leibe spielen. Ein paralleles unterbegriffliches Pseudonym war balkandada.(3)Das Produkt "Hausmann" liess sich aber trotz des Wechsels der Produktbezeichnungen schlecht verkaufen. Und das ist immerhin der Sinn von Produkt.- bzw Markennamen. Sie sollten eine verkaufsfördende Wirkung haben. Ein ausgewachsener Mann als kindlicher Christus wirkt eher lächerlich. Alles spielt hier schillernd ineinander.
Eine als zerfallen empfundene Identität begünstigt die Konstruktion einer künstlichen KünstlerBiografie , hier spielt Schwitters mit einer heute zum Klischee gewordenen Erkenntnis.
Auch von wissenschaftlich-zeitgenössischer Seite bemerkte man:
"Wie das Kind aber dasitzt, als beschwerte es die Mutter gar nicht, obgleich es in Formen gehalten ist, die über die des frühesten Daseins weit hinausgehen, wie es die Hand auf den Fuß des bequem übergeschlagenen Beines legt, hat es die Haltung eines denkenden Mannes"(Hermann Grimm)

2. Nill Annegreth. Decoding Merz. Austin 1990
3. George Grosz an Raoul Hausmann am 25. 1. 1921 mit handschriftlichem Zusatz von John Heartfield Abb. Abb. in: Hannah Höch.Eine Lebenscollage Band 2 Abt. 1 Berlin 1995 S.24.

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