Liebe Delia (ich wähle nun einmal die kürzere Anrede unter Historikern?!),meine Nachfragen bei den in Neuengamme beschäftigten Historikern erbrachteuntenstehende Nachricht. Gewißheit wird es wohl nie geben? Wenn esNeuigkeiten gibt, melde ich mich, außerdem leite ich gleich noch die Antwortvon Carmen Lange weiter. Carmen Lange lebt heute bei Schwerin, sie dürfteaber eigentlich zu der Nachkriegsgeschichte des KZ Neuengamme am besteninformiert sein.
Viele Grüße,
Georg

----- Original Message -----

From: "Eschebach, Insa"
To:
Cc: "Garbe, Detlef Dr."
Sent: Tuesday, August 27, 2002 11:25 AM
Subject: Tagebuch-Ausschnitt

Lieber Georg Erdelbrock,

Detlef Garbe schickte uns die Tagebuch-Passage (Tagebuch Schroedter) mitsamtden Fragen, die Du stelltest. Ich danke zunächst vielmals für diese Passage,die für mich tatsächlich hochinteressant ist, auch wenn ich - bislang - nochkeine restlos einleuchtende Erklärung habe. Unwahrscheinlich scheint mir,daß im September 1945 100 SS-Männer aus dem Internierungslager Neuengammegeschlossen entlassen worden wären. Jeder einzelne durchlief die bekanntenSpruchkammerverfahren, schon allein deshalb würde eine geschlosseneEntlassung ganzer Gruppen Rätsel aufwerfen. Hinzu kommt, daß das KZ-Personalnicht unter die Kategorie des automatic arrest fiel, sondern alsKriegsverbrecher interniert wurde. Und "war criminals" wurden meines Wissensnicht schon im September 1945 entlassen.
Indes wissen wir, daß im Mai 1945 deutsche Kriegsgefangene "in einerfreigewordenen Fabrik" hier auf dem ehemaligen Lagergelände aufgenommenwurden; wie lange sie blieben, ist noch unbekannt. Der September 1945 istdeshalb wichtig, weil in diesem Monat Neuengamme für die Aufnahme von 10 350Internierten vorbereitet und also partiell umgebaut wird; die englischeVerwaltung bezog beispielsweise das ehemalige SS-Lager im September 45.Könnte die Entlassung der 100 Männer zu diesem Zeitpunkt darauf verweisen,daß sie vielleicht doch nicht der SS, sondern der Wehrmacht angehörten undalso Kriegsgefangene waren, wie die Tagebuchautorin ja auch im nächsten Satz("geschlagene Wehrmacht") schreibt? Hät sie das mit der SS vielleichtdurcheinander gebracht? Schwer zu sagen.
Ich halte dieses Dokument auf jeden Fall fest und melde mich erneut, sobaldich zusätzliche Daten gewonnen habe, die vielleicht mehr Licht in die Sachebringen können. Wo ist übrigens Kaseedorf? Bei Friedrichsruh?Mit schönen Grüßen,
Insa Eschebach

Ps: Bis zum November 1945 lag die Lebensmittelversorgung desInternierungslagers noch in der Hand eines "Wehrmachtstabes", der Räume aufdem ehemaligen Ziegeleigelände unterhielt. Könnte es sein, daß die 100Männer in Zusammenhang mit diesem offenbar noch funktionierendenWehrmachtsstab standen, der sich schon im September 45 zu reduzieren begann?

Wie angekündigt:

----- Original Message -----
From: "Carmen Lange"
To: "Georg Erdelbrockv
Sent: Monday, August 26, 2002 12:51 PM
Subject: Re:

Lieber Georg,
nein, so etwas habe ich bisher nicht gelesen. Allerdings ist ja immer nochvieles unerforscht und manchmal wundert man sich ... Erst einmal würde ichauch vermuten, dass es Entlassene aus dem Internierungslager waren,allerdings haben wir, so weit ich das jetzt im Moment in Erinnerung habe,die ersten Informationen čber Entlassungen aus dem Dezember 1945. Es könnteja auch sein, dass sie der Frau erzählt hatten, dass sie SS aus Neuengammewaren, aber keine entsprechende Uniform hatten, sondern inWehrmachtsuniformen rumliefen und nie als SS interniert gewesen waren. Dasssie es ihr erzählten, könnte ja mit ihrer Haltung zu tun haben ("unserearmen Soldaten ...").
Aber das sind alles nur Spekulationen. Erstmal viele Grüße!

Deine Calle

Zur Kenntnisnahme...

----- Original Message -----
From: "Carmen Lange"
To: "Georg Erdelbrock"
Sent: Wednesday, August 28, 2002 1:05 PM
Subject: Re: Fw: Tagebuch-Ausschnitt

Lieber Georg,
das wußte ich natürlich nicht, dass die ganze Geschichte bei Neustadtspielt, das ist natürlich ganz etwas anderes. Ich denke, es kann ganz gutsein, dass die Schreiberin SS und Wehrmacht verwechselt. Verblüffend istdann aber, dass sie die "fremden" Soldaten, die die Gefangenen bewachen,nicht erwähnt. Sie müssten ja von Briten bewacht worden sein. Ist also allesziemliche Spekulation. Was das Internierungslager angeht, hat es wohl schonEntlassungen auch grö&szig;erer Gruppen gegeben (z.B. Jugendamnestie bestimmterJahrgänge), aber ich weiß von der ersten erst aus dem Dezember 1945. Nachdem, was ich weiß, ist für den Zeitraum September 1945 noch vieles unklarund mit Fragezeichen zu versehen. Allerdings gibt es inzwischen inNeuengamme auch Dokumente, die ich nicht kenne, aber Insa sicherlich.Erstmal herzliche Grüße!

Deine Calle

>
(vom Dez.2003): Alyn Bestmann an Georg Erdelbrock

> Hallo Georg,

> > vor einer kleinen Ewigkeit hattest Du mal eine Frage wegen SS-Leuten in > Kasseedorf herumgemailt. Mittlerweile kann ich Dir eine Lösung für dieses kleine Rätsel anbieten.
Aus einem Kriegstagebuch aus dem PRO (WO 171/4857) geht > hervor, dass seit Juni 1945 britische Verhörteams versuchten
" to devide the true SS from those who had been forced or inveigled to join the SS. The job was a considerable one realising that there were representatives of about 25 > nations."
> Die als harmlos eingestuften SS-Angehörigen wurden nicht freigelassen, > sondern nach Kassedorf abtransportiert.

> > Liebe Grüße,
> Alyn