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Datierungsfragen

Entstanden ist Wenzel Kind sicher gegen Ende des Jahres 1921. Anregend für Hannah Höch, die ihre Ideen für ein Bild Frau unter Saturn in die Tat umsetzte, vielleicht lagen schon Entwürfe vor für dieses aufschlußreiche Ölbild. 1922 malte sie es in traditioneller Technik, bereits im Mai zeigt sie es auf der Großen Berliner Kunstausstellung zusammen mit Er und sein Milieu . Und Schwitters reagierte wieder auf seine Art: in der collagierten Hommage an Höch: Kaufen Sie den saturnroten Führer durch das Höch-Museum für alten und neuen UN-RAT. (undat.). Wenzel Kind paßt auch in den Zusammenhang von Schwitters versandter collagierter Postkarten, die seiner Selbstfindung und Positionierung im Freundeskreis dienten. Möglicherweise fühlte sich Höch erst durch den ungezwungenen Kommentar Schwitters zu einer Verarbeitung des Themas inihrem Werk ermuntert. Schwitters siezt sie noch im Juni 1922, als Vorbereitungen zu einem ersten Besuch Höchs in Hannover getroffen werden. Schwitters war aber häufig in Berlin. Gerade im Mai 1922 hatte er im Sturm ausgestellt.Höch stellte ihre dezidiert autobiografisch als Doppelbildnisse zu deutenden Bilder, neben Frau unter Saturn auch Zwei Köpfe (Die unsichtbare Brücke), in den folgenden Jahren einer breiteren öffentlichkeit auf den Ausstellungen der Novembergruppe vor. Sie trennte sich endgültig von Hausmann, der eine ganz neue Fau heiratete, befreite sich vom Druck der ungelebten Mutterrolle, die sie erst wieder einholte als sie viel später einen zwanzig Jahre jüngeren Mann heiratete. Die Bilder blieben bis an ihr Lebensende in ihrem Besitz und in ihrer Sichtweite. Höch gab durch die Titel ihrer Werke aber auch überindividuellen Deutungsmöglichkeiten Raum.Die Wenzel Kind-Collage eröffnet solche Möglichkeiten nicht. Das Werk wurde einem breiteren Publikum immer vorenthalten. Meines Wissens wurde es nicht öffentlich ausgestellt und blieb in Schwitters Besitz.Es ist ein wunderbares Beispiel für die Anwendung der Psychoananlyse im vulgären Bereich. Es ist ein Freundschaftsbild im weiblichem Avantgarde-Maßstab. Das Bild zeigt das Bemühen, sich die unverständlichen Schrecknisse moderner Liebesbeziehungen etwas vertrauter zu machen, erträglich zu gestalten und durch Ironie Abstand zu gewinnen. Obwohl der "gedankenvolle Viktor", daß heißt der Betrachter dieses Bildes schwer ungezwungen lachend vorstellbar ist, vielleicht erst im Jahr 2005, wenn sich die Kernfamilienidee vollkommen aus den europäischen Gehirnen verflüchtigt hat.Die beiden Textzeilen bieten einen kabarettistisch-würdevollen Rahmen für das auf der Bühne der Lächerlichkeit Preisgegebene. Es blieb ein "Bild für die Götter", ein Bild für Menschen, die nach Johannes Baader Engel sind und im Himmel leben.Wenzel Kind ist eine Entlarvung der Anhänger absoluter Utopien wie Hausmann in seiner Verzweiflung einer war. Hausmann, der sich wie auch Höch, unbedingt einer Geisteselite zugehörig fühlte und der äußerte: "Absolute Utopien - nur für die Elite. Der Rest ist Dreck. Der kompromißlosen Heilsplan steckte in Hausmanns Gehirn, durchgekreuzt nur von einigen Freunden wie Kurt Schwitters. In diesem Sinne zitiere ich Wilhelm Kelber(Anm.), der über die Sixtinische Madonna befand:

In diesem Jesushaupt selbst, das fast so groß ist wie das der Madonna, kämpft ein pausbäckiges, grübchenreiches Kindergesicht einen erschütternden Kampf mit dem Welternst der Augen und dieser mächtigen Stirn, in der der Heilsplan zu wohnen scheint

Schon Schopenhauer dichtete dem Kinde eine von ihm gewonnene Erkenntnis an (Anm.)
Auf die Sixtinische Madonna
Sie trägt zur Welt ihn: und er schaut entsetzt
In ihrer Gräu l chaotische Verwirrung,
In ihres Tobens wilde Raserei,
In ihres Treibens nie geheilte Torheit,
In ihrer Qualen nie gestillten Schmerz -
Entsetzt: doch strahlet Ruh und Zuversicht
Und Siegesglanz sein Aug , verkündigend
Schon der Erlösung ewige Gewißheit
(Arthur Schopenhauer 1815)

(Anm. von Löhneisen, Raffael unter den Philosophen 199(3)
(Anm.)
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