copyright © Delia Güssefeld 1999
dguessefeld@dieheimatdelias.de

7.Tag Sonntag 27. Juni

Christburg (Dzierzgon) bis Heilsberg(Lidzbark warminski)

am 7.Tag bin ich 96 km gefahren

Alle Läden sind geöffnet. Die Sonntagsruhe kennt der Pole ebensowenig wie der Litauer oder der Lette, wie ich später merken werde. Morgens noch Tasse Kaffee mit Bohdan, meinem Hoteldirektor, der auch Kulturamtsleiter von Christburg ist. Er ist wie schon gestern Abend total nervös, spricht wirklich schlecht deutsch und kein englisch, ist dazu passend Künstler. Er ist aus Lemberg und seine Anwesenheit und meine Anwesenheit ruft sehr undefinierbare Gefühle in mir hervor. Ich betrachte seine Gemälde, teilweise mit christlichen Motiven. Er berichtet von drei Töchtern 22, 17 und 15 Jahre alt. Seine Frau stamme aus der Lubliner Gegend, ist aber schon in Marienwerder geboren. Aus Sittensen waren jetzt zehn Jugendliche da, haben wohl restauriert oder ähnliches.

Kwietniewo ist ein schönes Dorf mit Backsteinkirche und Holzturm.Die Straße ist gleichbleibend schlecht, daß heißt geflickt (Rigelink) der erste Radler mit Helm begegnet mir. Er grüßt mit der Hand. Es wird übrigens Heu auseinander geharkt. Heute ist es heiß und sehr windig, habe Fußballhose an und trockne Wäsche nach und nach: Leopardleggings, graue Hose, Socken und Slips. 1 Liter Apfelsaft Yoghurt und 2 bulki. Manche Steigung gehe ich zu Fuß. Ich erinnere mich unruhig an das taube Gefühl in der linken Wade gestern abend. Ohne die Alleen wäre ich verraten und verkauft. Es gibt Linden Buchen etc. Hinter Jelonki eine der Stellen wo die Schiffe über "Rollberge" hinübergezogen wurden mit neuerer Brücke und stehengebliebener alter Brücke . Die Familien befinden sich in den Erdbeerfeldern oder nach dem Kirchgang in der Bar. Mit Günther telefoniert. Er war lieb, fragte, wie es mit dem Baden sei. Premiere sei gut gelaufen. Mittwoch wird er einen Vortrag halten. Wie will ich bloß vermitteln, was ich erlebe? Kwietniewo, das ich so schön fand hieß wohl Königsblumenau. Die Straßen, die ich sehe sind die Straßen, die es gibt, Möglichkeiten, Wege abzukürzen gibt es nicht. Die Windmühle von Ankamaten habe ich auch gesehen. Ich schieße ein Foto in Richtung nördliches Ostpreußen wo ich nicht so viele Steigungen vermute. Geht aber wohl nicht. Swetkowo ist ein liebes Straßendorf. Eben erblicke ich ein Storchennest auf einem Neubau und ein kleiner Junge badet im eigenen Garten im eigenen Teich Ich traue mich nicht zu baden Die Heuhaufen sind runde kleine Hügel. Es gibt Eichenalleen, herrlich - diese Straßen, der Belag "geht so".Dann geht die Fahrt nur noch abwärts bis zum 10 Meter breiten Flüßchen Passarge, das bei Braunsberg wohl in die Ostsee mündet. Die Storchenjungen sitzen neugierig und aufrecht in ihren Nestern. Allüberall.

8.Tag Montag 28. Juni

Heilsberg/Lidzbark Warminski nach Karolewo

Es ist heiß. Ich breche um viertel vor neun auf. Vorher habe ich Renate Marsch-Potocka angerufen, die meine Privatzimmervermieterin mir freundlicherweise aus dem Telefonbuch sucht. Sie wohnt - leicht zu merken im Jahre 1999 - in Kosewo. Habe 40 Sl gezahlt und 10 Sl Snadanie. Heilsberg (Lidzbark) hat eine schöne Schloßkirche und nur ein Restaurant, nämlich "Happy End", dort aß ich Zurek, Pierogi ruski und Salat, der mit Weintrauben angemacht war. Der Eisbecher bestand aus Schöller Eis, Apfelschnitzen und Apfelsinen und Sahne. Das Essen war ausgezeichnet. Ich wählte das Lokal weil dort Mitglieder einer Gruppe von Elmshornern, die Verbindung zu Braunsberg hatten auch aßen und verbrachte natürlich den Abend mit ihnen, zum gelinden Entsetzen der anwesenden Weiblichkeit, die aus kleinen Gläsern Wein trank. Keiner war trotz mehrfacher Anregung meinerseits zum Erzählen zu bewegen und so sprachen sie über Belangloses ohne Niveau. Und waren im örtlichen Katharinenkloster beherbergt.

Diese Heimatkreisartigen Gruppen haben ja die Funktion von Reiseveranstaltern in eigenener Sache Dieser Markt wird sich wohl letztendlich auch verlagern. Ich bin vollkommen dagegen, daß hierhin eine müde Mark an Unterstützung von der Bundesregierung fließt. Die kannten weder Polen noch Pirogi und daß sie Wein tranken, war für mich der Gipfel der Ignoranz.

Ich hatte wieder gewaschen. Foto Nr. 10 Europalager Foto 11. Samolubie Straße - Gottseidank - wird besser, viele Lkw und ausgeprägte Spurrillen. 10 Uhr 10 der erste russische Mercedes mit russ.Kennzeichen, davor ein Mercedes mit Nummer HH 79, rechts eine Gewächshausanlage für Blumen, ein großer Kuhstall aus Beton mit neuen Fenstern. In Galiny habe ich erst gemerkt, daß ich zu früh- nervös wie ich offensichtlich schon geworden war - in Richtung Bischofsburg abgebogen war. Foto 14 Blick von Anhöhe vor L(?) (Umweg über Galiny mit schlechten Wegen nur 11 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit teilweise Kopfsteinpflaster in den Ortschaften, aber schöne Backsteinkirche gesehen; Friedhof "niente", habe dort auch die Kirche abgefilmt, weil ich sie so schön fand und weil ich in der Hitze einen Pausenfüller brauchte. Die Verkäuferinnen in den Dorfläden sitzen in Nebenzimmern, stricken und schauen fern, derweil ihre Kühlschränke brummen .16.30 Uhr bin ich dem Hitzekoller voll ergeben. Vormittags habe ich mich derartig verfranst, daß ich den Ort Rössel/Reszel auf ewig hassen werde. Erster Versuch zu baden ist fehlgeschlagen, weil auch meine Gegenübers keinen Anstalten machten, sich ins Wasser zu begeben. Drei Frösche hüpften vor mir und ich blieb unabgekühlt nur mit dreckigen Füßen versehen. Plötzlich war ich wild entschlossen, mich in Transporter einzufädeln, besser gesagt einzunisten für einige Kilometer. Eine Weile blieb ich diesem Entschluß rettungslos verhaftet, dann erstrahlte plötzlich eine barocke Kirchenfassade. Ohne Ankündigung tauchten dazu Stände mit Stickereien und Bernstein und Holzarbeiten auf. Es ist Heiligelinde! Woher sollte ich das ahnen? Ich sprach mit Ladenbesitzer-Ehepaar und Schwager, machte Foto. Er sagte scherzhaft, daß er den Winter über in der dominikanischen Republik verbrächte. Sie versuchte die Bedienung , deren Chefin sie war, dazu zu bringen, den Fisch korrekt zu servieren. Es war so knackeheiß, aber ich erholte mich bei diesen Leuten, die mir auch eine Übenachtungsmöglichkeit anboten, dennoch wirkten sie nicht seriös - eher im Gegenteil. Bis Rastenburg sollten es wohl noch so 16 Kilometerchen sein, aber ich hatte wieder Mut geschöpft. In Rastenburg filmte ich den Soldatenfriedhof am Ortseingang um 18.30. Rastenburg heißt heute Kentrzyn, kompliziert unsympathische Stadt. Ich rief noch mal vergeblich Marsch- Potocka an und gab dann den Plan auf, in Richtung Goldap mich noch zu bewegen . Nach 6 km kommt ein Hinweis auf den Weg zur Wolfsschanze inklusive Hotel. Das fand ich anziehend. Welche Leute da wohl rumziehen, dachte ich, aber es kam anders. Nach 2,3 km tauchten große verschiedenartige, selbstgemalte Schilder auf: Kuchen, guter Kaffee . Hier habe ich dann Tereza und Jerzy kennengelernt. Ausstattung des kleinen Anwesens: ausgesprochen solide, geschmackvoll bis an Schöner Wohnen - Niveau . Film gemacht. 45 Sl für Baden im See, Bier, Abendessen Wir fuhren nämlich umstandslos schwimmen. Sie hatte wohl schon ein kleines Bier getrunken und redetet ununterbrochen. Beim Abschied schenkt ich ihr mein Schmetterlingsportemonnaie. Tereza ist ein Frau mit Herz und raucht Golden American Light. Jerzy trinkt nicht, leider. Wir saßen bis 12 Uhr draußen. Sie hatte große Portion Kartoffeln gemacht mit drei Spiegeleiern und Salat mit Kümmel; das sei nicht litauisch, wie sie sagt obwohl ihre Mutter aus Litauen sei. Jerzys Vater war Deutscher. Er ist in Stettin geboren, Tereza in Ketrzin. Sie ist Bauzeichnerin gewesen, bevor sie alles verkauften und sich dieses dreißger Jahre Haus erwarben. Ihr Sohn Jacek ist 17 und hat gerade eine neue Frisur: Bomberhaarschnitt. Mit Freunden hält er sich in Entfernung von uns. Jerzy ist ehemaliger Berufssoldat, dann bei der Polizei. Auf der Karriereleiter war er irgendwann oben angekommen, sie hätten umziehen müssen, irgendetwas lief schief. Sie erwähnte, daß sie in der Stadt so gute Kontakte gehabt hätte, daß sie sogar als Bürgermeisterin im Gespräch war Jetzt hätten sie aber ihr gesamtes Vermögen in dies Haus mit Scheune, Baujahr 1935 investiert, allerdings sei die Renovierunng nicht abgeschlossenund besonders die sanitären Einrichtungen seien noch nicht richtig benutzbar für Gäste. Sie hätte viele Anträge auf Kredit gestellt im letzten Jahr, die aber nicht durchgekommen seien. Wenn sie auch Zigaretten schmuggeln würde, hätte sie solche Probleme nicht. Sie erzählte auf meine Frage die Geschichte ihrer Liebe und zeigt das Hochzeitsfoto der beiden - von 1982 vielleicht. Sie sieht aus wie eine Filmdiva der sechziger, Jerzy wie Napoleon. Heute malt Jerzy auch Kitschbilder von Landschaften Sie verkaufen sie an die Touristen, die zur Wolfsschanze fahren, deutsche Touristen. Sie hatten nach der Hochzeit auch Ausreisepläne. Das zerschlug sich. Ich hätte zu gerne das Hochzeitsfoto gefilmt, aber genau diesen Film verlor ich später sowieso.

weiterlesen?