copyright © Delia Güssefeld 1999
dguessefeld@dieheimatdelias.de

33. Tag Freitag 23. Juli

Liepaja nach Polangen

In LibauInga vor dem Kindergarten in Liepaja angesprochen, polnisch russisch litauischer Herkunft Seit zwei Jahren ist sie mit Päd. Hochschule fertig in Liepaja. Seit dem ist sie arbeitslos . Seit einem Jahr nimmt sie Meditationskurse. Irgendeine russische Variante. Sie erzählt mir sehr animiert und ergriffen wie gut ihr das tunwürde, und wie sie sich verändern würde dadurch. Ihr Mann scheint das nicht mitzumachen Ich frage nicht nach. In Sowjetrußland war einiges besser meint sie. Kinder die mit dem Auto zum Kindergarten gebracht werden sind für sie "die reichen"( Kein Wort davon , daß das russisch inspirierte Korruptions system hier die Ursache des Wohlergehens sein könnte) Am Abend vorher traf ich beim Bier und Gitarrenduo eine Lettin aus Valmiera, die als ich sie ansprach gleich sagte, diese sei nicht ihre Gegend. Valmiera sei ja ganz anders. Liepaja hat den Ruf einer lebendigen fortschrittlichen Stadt, wo junge Leute sich wohlfühlen. Sie freut sich sehr daß als ich sie deutsch anspreche, denn sie ist gerade aus Gütersloh wiedergekommen. Dort war sie ein Jahr au pair und jetzt vermißt sie deutschsprechenden Gesprächspartner. Heute hat sie die Eingangsprüfungen für die pädagogiseh Hochschule in Liepaja gemacht, aber sie hat ein ganz schlechtes Gefühl, weil sie die so schwierig fand. Es gibt 180 Bewerber auf 15 Plätze. Sie ist noch immer ganz überrascht und durcheinader, weil sie damit nicht gerechnet hatte, nachdem sie ein Jahr in Deutschland war.

Ich bemerke, daß hier die Kinder an der Hand geführt werden sogar wenn sie schon älter sind. Sie bemerkt dazu umstandslos, daß dieses Verhalten neu sei. Ihr hätte die Zärtlichkeit imponiert, mit der deutsche kleine Kinder ihre Mama lieben dürfen. In ihrer Kindheit kam ihre Mutter zu Besuch aufs Land, wo bei ihrer Oma lebte. Zwei ihrer neunzehnjährigen Freundinnen hätte bereits Babies.

Pastor em. von Schroeder machte auf mich den Eindruck, als vermittle er ausschließlich "nette" Letten an Deutschland . Da ist ein schönes Machtgefühl sicher. Was den Verlust der Macht hier im Lande etwas kompensiert. Sie "knechten " die Letten schon wieder.

noch 33.Tag FreitagHeute ist nach dem nächtlichen Regen doch einen warmer windiger Sommertag passend zur Küstenlandschaft. In Nica gibt es ein verlockendes Motel mit Ententeich und Entenhaus, wo ich meine letzen Lats in einen Kaffee und eine letzte kalte Suppe verwandeln lasse.Danach Wald bis zur Grenze Nach der Grenze wo ich nach vier Kontrollen noch einmal zurückgeschickt werde um "den" Stempel zu bekommen, esse ich dann kurz entschlossen noch, etwas trinke 1 Liter Saft, der einen Durchfall bei mir bewirken wird. Gottseidank sind mir diese Art Erlebnisse auf der gesamten Tour erspart geblieben. Dringend in die Büsche zu müssen, trübte jetzt die naiv- freudvolle Stimmung, der ich mich hingebe.

Nach der Grenze steht schon wieder Wacholder im Wald wie in Tucheler Heide.

Mir begegnen zwei Lkw des Deutschen Roten Kreuzes aus Bremen. Albern wirkt das - albern. Dann aus dem Nichts : rechts der Straße ein Flugplatz, quasi an der Bushaltestelle. Dort finde ich ein Ehepaaar aus Köln vor. Er Jg 26. Meine Standardfrage beantworten er und sie aus einem Munde: Das sei ja nicht zubegründen. Nur der eine Grund, den auch die Deutschen hätten für ihre Kinderlosigkeit sei nun hier wohl auch im Bewußtseinverbreitet. Das Materielle gehe vor. Autos zum Beispiel. Er hätte nicht so drauf geachtet sagt er, wußte aber über die Verhältnisse seines Vermieters Bescheid. Der fahre Taxe und mache auf Touristenführer und Apartment Vermietung. Das reichte zu einem alten Opel. Die beiden wirkten in ihrer Argumentation überzeugend. Er sei mit fünf Geschwistern aufgewachsen, habe aber selber nur zwei Kinder gehabt. Seine Frau habe nicht arbeiten müssen. Er habe sich erstmalig die Straßen seiner Kindheit und Jugend in Memel angesehen. Er wirkt ganz ruhig. Seine Frau verschwindet noch in der Toilette. Sie sind mit sieben oder acht anderen die einzigene Passagiere. Polangen hätte er schon früher nur vom Hörensagen gekannt. Sie waren von dem soliden Auftreten der Bevölkerung wohl überrascht, aber irgend etwas daran leugnen wollten sie nicht.

Nach ein paar Kilometern nun Polangen: ein Ort wie Westerland vielleicht, quirlig lebendig, voll.Viele süße Kinder Auch mit Puppenwagen und selbstverständlich sind die Zöpfe....Die Brandteig gefüllten Teile nennen wir auf deutsch Krapfen - natürlich! Darauf bin ich allein nicht gekommen. Die Verbindung zu unserer Kultur gelingt manchmal nicht so, obwohl sie natürlich ist in dieser Gegend.

Gestern Abend erlebte ich eine Mischung aus goia di Bimbi und Las Vegas Und zwar gemeinsam mit Andris aus Riga, der das auch zum ersten Mal sah. Wir blieben nüchtern, obwohl ich immer as Gefühl hatte, hin und weg zu sein. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben an einem Abend dauernd laut vor mich hingesagt: Das kann doch nicht wahr sein. Ich sah nichts exotisches, sondern etwas europäisches, nicht etwas historisches, sondern etwas handfestes. Nicht etwas Bedauernswertes, sondern Freude in einer verblüffenden Selbstverständlichkeit. Ich sah Europas Zukunft. Pferdereiten in Kutschen und allein auf trabenden Pferden mittendrin. Kartentelefone und alte Ostseebäder- Villen. Gefüllte Pfannkuchen zum Frühstück. Alte Bäume. Zwei Damen wechseln Dollarbündel an der Rezeption des Hotels. Eine sehr angenehme Dame im Tourismusbüro, die abends ihre Familie da hat zum Weintrinken und Kuchenessen, da muß ich dann zehn Minuten warten. Ich wirke in meinen Anliegen ihrer Ruhe nicht angemessen. Ich emfinde aufgeregte Freude. Sie weiß , daß ich das empfinde, aber sie ist weder überheblich, noch sich vielleicht der Vorteile ihres Arbeitsplatzes arrogant bewußt. Daß sie vielleicht wüßte, an welch attraktivem Ort sie arbeitet. Ich weiß es nicht. Natürlich fühle ich mich hier etwas ausgeschlossen, bin aber zutiefst dankbar, daß ich alles ansehen darf. Abends gibt es Bands aller Art und ruhige Leute, die alle tanzen.

Der Seesteg.

Als ich ankomme versuche ich Aversionen aufzubauen. Was ich sehe versuche ich als reines Ergebnis des organisierten Verbrechertums zu verurteilen. Das funktioniert aber nur etwa eine Stunde, dann überzeugt mich der Augenschein, daß ich hier kritiklos glücklich sein darf.

Die Gäste sind ruhig hier. Die Leute steigen aus großen Mittelklassewagen. Die Kinder tragen Squashschläger. Hier stehen sieben italienische Wohnmobile, die glaube ich ich als Konvoi an der polnisch litauischen Grenze vor ein paar Wochen schon gesehen hatte. Ich kann mir diese Erscheinung nicht genau erklären. Sind das alles die bestechlichen Staatsbediensteten Verwandte der Drogen und Waffenhändler? Sind alle diese Autos Geschenke der Mafiosi für Stillhalten. Es scheint so offensichtlich.

Jetzt nach vier Wochen fällt mir der Artikel über die organisierte Kriminalität wieder ein in den Konferenzpapieren

. Es ist auch auffallend: kleine Billigautos fahren in Lettland und LItauen kaum, z.B. alte Ladas oder Fiat Polski hab ich hier gar nicht bemerkt.diese Menschen wollen sicher auch Theater der internationalen englischen Art wie Günther es hierherbringen könnte.Ich suche Verbindungen zu meinem Mann den ich bald wiedersehen werde.

weiterlesen?