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32. Tag Donnerstag 22.Juli

Riga nach Liepaja
Im Zug nach Liepaja über Jelgava; nebenan zwei etwas sechzigjährige angeregt im Gespräch auf russisch. Hinter mir für mich unsichtbar eine junge Mutter mit zwei Kindern: einem Jungen und einem Mädchen. Sie spielen "Wir suchen Wörter mit "F", über zehn Minuten lang. Sie finden neue Buchstaben durch stummes Alphabet aufsagen. Die erste Russin trägt Keilslipper mit obligatorischer Socklette. Blumenkleid, leicht verwaschene Jeansjacke hellblau und in der langen Version, hell gepünkteltes Tuch im Nacken geknotet mit Haarklemmen befestigt. Verschiedene Goldzähne, helle Augen. Links tragt sie breiten schlichten Goldring reist mit Pappkarton und Plastiktasche polnischer Art. Die andere Dame Knoten überm Hinterkopf hellbeiges gepflegtes Baumwollkleid ohne jeden Schmuck, aber mit Armbanduhr. Ebenso Keilslipper ohne Sockletts. Landschaft frisch grün lockerer Wald und Wiesen und Bauernhöfchen und Trümmerblumen und seit gestern ist doch die Goldrute erblüht. Christoph wusste auch diesen Namen. Es gibt große Datschen.
Ich denke an zuhause, wie ich Erbsen kochen werden und gefüllte Pfannkuchen, kalte Suppen, Buchweizen und Sauce und Klopse. Seerosen gibt es an jedem Fluß, wie häufig soll ich das noch wiederholen? Nach Jelgava sind wir in 45 Minuten gekommen. Kinder hängen ruhig und zärtlich an Mamas Arm. An der Hand gehen ist selbst für ältere Kinder üblich. Jetzt regnet es schon wieder. Meine Nachbarn sind ausgestiegen. Die beiden Motorradfahrer im Nostaljia sagten, es sei kein Vergnügen auf den Grantstrecken zu fahren, entweder 30 bis 40 km/h und jedem Schlagloch ausweichen oder mit 80km/h drüber brettern. Beides sei blöd und nur für Geländemotorräder sinnvoll. Christoph machte mich darauf aufmerksam, dass hier Tatra Straßenbahnen und Busse der Marke Ikarus üblich seine. Mein heutiger Eisenbahnwagen ist schön gefedert. Ich denke manchmal an Döblins Reise in Polen, dass hieß ja ins alte Zarenreich (wie er den Schlafwagen nicht finden durfte und wie mir Simon von seiner Reise mit Katri erzählte, auf der er nicht mit ihr in einem Abteil schlafen durfte obwohl sie doch schon von ihm schwanger wahr. Das war in Estland im Jahr 1996. Auf der Strecke sind die Äpfel an den Bäumengrösser geworden. Und Dahlien erblüht. .Es ist der 22. Juli 1999. Kennedy ist abgestürzt. Wieder schöne Datschen. Rußland spricht nicht mit der NATO. Im Zug unterhalten sich viele Leute. Die Welt scheint sehr in Ordnung. Keine Asozialen. Vokabeln englisch delivery reasonable prices cobblestone Kopfsteinpflaster Artikel über Straßenmusikanten in der Baltic Times erscheint mir reichlich oberflächlich. Dmjanjuk. Wie bekommt man eigentlich das Unkraut aus dem Korn? The retail and service sector . Jobs gibt es nur für die unter 35 jährigen. Die offzielle Arbeitslosigkeit in Riga ist 10 %, das Minimaleinkommen ist 42 Lat, das sind 70 4 im Monat Imperfection of Employment Measures. Neu BLG Container GmbH in Klaipeda /Nach 1918 wurde Memel Klaipeda und litauisch und zuerst stand es unter französischer UNO Aufsicht dann 1923 bis 1939 litauisch, dann deutsch bis 1945, dann eben sowjetisch. 99 Kilometer Küstenlinie sollen Freihandelszone werden. eventuell Memel freee econimic zone; corporate incoem tax für 1 Mio investitionenen keine Importzölle würde es dann geben. Mehrwertsteuer VAT real estate taxes road taxes withholding taxes; . . . ; farmer protests for fertilizers and diesel fuel.Sie fordern, dass der Staat ihre Erräge subventionieren soll indem er alles aufkauft zu einem bestimmten Preis. Ich glaube , deshalb hatte dieser Bauernprotest auch so wenig Unterstützung in der Bevölkerung. Decline heißt Verfall und decrease Abnahme. Rückkehrwillige Russen verlangen von Lettland eine finanzielle Hilfe. (Ich: frech!) 600.000 seien ohne Staatsbürgerschaft staatenlos Quasi displaced persons
Fragen:
WERDEN DIE BABIES IN DER STATISTIK MITGEZÄHLT UND WO ENTBINDEN DIESE RUSSEN WOHL?
Diese zweite Fahrt nach Liepaja ist angenehmer als die erste. Warmes Regenwette und sonnig ist es. Die Landschaft und mit dem Wald und Feld ineinander verschlungen. Alte Industrieanlagen sieht man an der Bahn. Es gibt Apfelgärten und unglaublich ruhige Stimmung.
Die Fahrt ist auch bequemer weil nicht durch das Tekkno-Pärchen dominiert und die Hitze. Welliges Land leicht verlottert, wie erzählten Andreas und Rüdiger? In Estland würde die Landbevölkerung schon geschniegelt und gestriegelt in die Eisenbahn einsteigen. Auf den Telegraphendrähten sitzt ein Vogel, den man aus dem "Was fliegt denn da" Quartett kennt. Vor Liepaja ist Hochmoorgegend. Sieben Schafe sehe ich, wenig Kühe, paar Ziegen, neben mir wird russisch gesprochen. Dies Land scheint die russisch-deutsche Mischung auf lettische Art zu zeigen. Das Nationalbewußtsein entstand gleichzeitig mit dem Nationalbewußtsein der Deutschen. Parallel zur Reichsgründung der Deutschen 1871 begann die Russifizierungpolitik der Russen, aber die führte zu einem erstarkenden nationalen Erwachen der Letten und der Konstruktion des Rechtes der kleinen Völker auf ein sogenanntes demokratisches Eigenleben. Noch heute ist der so genannte lettische Nationalcharakter bzw. Volkscharakter eine lächerliche Nummer, weil zwischen Phlegma und fleißigem Sauberkeitsfimmel angesiedelt. russisch und deutsch gemischt.
Letzten Freitag.
Interview Laila Riekst-Riekstina
Ministerium für Soziale Angelegenheiten
Abteilung Jugend und Familie

Ich komme unangemeldet. Sie widmet sich mir eine Stunde. Anfangs betont sie, dass für ihren Job in Deutschland ein eigenes Ministerium zuständig sei, sie nennt auch den Namen Ministerium für Frauen Familie und Gesundheit. Sie war aber noch nicht in Deutschland, sondern in Schweden und Finnland .Dafür spricht sie ein passables Deutsch. Sie hat diesen Posten seit drei Jahren. Anfangs war sie mit Waisenkinderproblemen beschäftigt, aber jetzt geht es mehr um die Armut in der normalen Familie 1999 und die Konzentration auf die Sozialpolitik in den einzelnen Gemeinden. Manchmal gibt es in den Gemeinden kein Geld, um eine Sozialhilfe auszuzahlen. Es soll eine Gemeindreform geben, so dass kleinere Gemeinden mit nur 3 bis 400 Mitgliedern mit anderen zusammen geschlossen werden. In Kandava gäbe es ein Projekt, welche von der Weltbank mit einem Kredit unterstützt wurde. Da gäbe es jetzt einen fest angestellten Psychologen, Pflegefamilien gibts jetzt auch vermehrt, und für kleinere Kinder auch.(Nura Rutkas Mutter arbeitete früher im Waisenhaus)
Landwirtschaft ?
Wir haben sozusagen keine Landwirtschaft mehr konstatiert sie. Vor sechs bis sieben Jahren wurde das Landleben von vielen Letten idealisiert, antwortet sie auf meine entsprechende Frage. Das sei aber spürbar zurückgegangen
Pampers?
Reiche und Arme hätten keine Probleme, weil ein Kind mehr oder weniger bei den armen Familien nicht ins Gewicht falle. Das Problem seien die vernachlässigenden Eltern und die gebe es in der Mittelschicht. Bevölkerungspolitik? Vor zehn Jahren hätte es mal das Argument gegeben, die Letten sollten mehr Kinder haben, um nicht auszusterben. Es gibt nun eine wirtschaftliche Krise, die Arbeitslosigkeit ist ein neues Phänomen. Gute Ausbildung scheitere an den Kosten für die Hochschulausbildung. Sie hat aber Hoffnung. Für jüngere Leute hat sie ein besseres Gefühl, für ältere Leute gibt es nicht so viel Hoffnung.
Frau Riekstina war zuhause als ihre Kinder klein waren bis zur Schulzeit. Sie wollte ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken, sie hat einen achtzehnjährigen Sohn und noch zwei weitere Kinder. Ich berichte von dem deutschen Konflikt rund um die Beurteilung der DDR Krippenerziehung

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