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Reise nach Polen vom 13. Juni bis 19. Juni 2002


Erfolgreiche Suche nach meinem Geburtshaus

Werner Schäfer, Bempflingen

Slesin am schönen Schlüsselsee.

Während meiner beruflichen Tätigkeit hat es mich nicht sehr interessiert, daß mein Geburtsort in Polen liegt, ja ich möchte sogar sagen, daß ich es über lange Zeit vermieden habe überhaupt darüber zu reden, wo das in meinem Pass stehende Klein-Kroschin (heute Krosinek), Kreis Scharnikau liegt. Sobald ich vom Warthegau geredet habe, ergaben sich gleich andere Fragen, ob dies in Rußland liegt, oder ob ich gar ein "Pollak" sei. Schon während meiner Kinderzeit war mir nämlich klar geworden, daß es einfacher war, solche Sachen nicht besonders zu erwähnen oder zu vertiefen, da damit die Tatsache, ein Flüchtling zu sein, nur unnötig thematisiert wurde. .

Zum Anlaß meines 60. Geburtstages und da ich jetzt im Ruhestand auch mehr Zeit habe, bin ich doch auf die Suche nach meinen Spuren gegangen und habe mich mit meiner eigenen Vergangenheit und Herkunft etwas näher beschäftigt, was sich mir als hochinteressant gezeigt hat. Um das nicht nur für mich allein zu machen, sondern es auch für meine Kinder und Enkelkinder etwas zu dokumentieren, habe ich für meine Geburtstagsfeier diese ersten Daten und Fakten zusammengestellt und damit auch die Beweisführung erbracht, daß ich ein echter Schwabe aus Württemberg bin. .

Zwangsläufig ging die Suche nach den Vorfahren zurück nach Bessarabien und den damaligen Auswanderern. Hier zeigte sich gleich, daß alle meine Vorfahren aus Württemberg, und hier aus dem Remstal, stammten. Der erste Auswanderer Johannes Schäfer stammt aus Hanweiler bei Winnenden, die Auswanderer Idler aus Strümpfelbach, die Auswanderer Wahler aus Schnait usw. .

Um Näheres zu erfahren, habe ich Kontakt zu der Landsmannschaft aufgenommen und das schöne Heimatmuseum in Stuttgart in der Florianstraße besucht. Bei der freundlichen Führung und der Unterstützung bei der Suche nach der richtigen Literatur bin ich auf die angebotenen Reisen sowohl nach Polen als auch nach Bessarabien aufmerksam geworden. .

So starteten wir am 13.6.2002 vom Stuttgarter Omnibusbahnhof in Richtung Polen. Zusammen mit meiner Frau Hannelore, einer Urschwäbin aus Kleinbettlingen im Kreis Esslingen, nahm auch mein Vetter Helmut Issler und seine Frau Lisa, ebenfalls eine Urschwäbin, an der Reise teil. Die beiden Frauen (es sind Schwestern) zeigten sich ganz besonders interessiert zu erfahren, wo die Geburtsorte ihrer Ehemänner waren. .

Schon in den ersten Stunden im Bus ergaben sich neue Bekanntschaften und Erinnerungen an die Erzählungen der Eltern und Großeltern an Leute, die aus Lichtental stammten und ebenfalls die Spurensuche angetreten hatten. Interessant ist, daß ich gleich Rudolf Schäfer mit seiner Frau Ruth aus der Nähe von Balingen gefunden habe. Rudolf Schäfer stammt ebenfalls von dem ersten Auswanderer Johannes Schäfer aus Hanweiler ab. Das hat natürlich dazu geführt, daß die Abstammungszweige in den Tagen der Reise nachvollzogen wurden und die neuen verwandtschaftlichen Beziehungen gepflegt wurden. Weiter waren ehemalige Nachbarn meiner Mutter aus Lichtental in Bessarabien und der Mutter von Helmut Issler im Bus ("Lottchen" Eckstein geb. Winger), so daß auch hier sofort Kontakt und viel Gesprächsstoff vorhanden war, auch wenn unsere eigenen Kenntnisse über Lichtental nur aus zweiter Hand stammen. .

In der Nähe von Berlin stieß ein zweiter Bus aus Hannover zu uns. Damit ging die Reise mit über 100 Leuten weiter und führte uns mitten in der Nacht an die polnische Grenze an der Oder bei Küstrin. .

Dies war für mich der erste Augenblick, bei dem mir bewußt wurde, daß jetzt die Vergangenheit auf mich zukommt. Mir wurde klar, daß ich hier schon einmal gewesen bin. Damals aber nicht im komfortablen Reisebus, sondern als Kleinkind einige Tage nach meinem 3. Geburtstag zu Beginn des Jahres 1945. Damals habe ich auf einem Pferdewagen, bei großer Kälte und sicherlich mit großer Angst und in großer Not, den Weg in umgekehrter Weise von Ost nach West gemacht. Sicher war an diesem Punkt die erste Erleichterung der Flüchtenden aufgekommen, endlich die Oder überschreiten zu können. .

Bei solchen Gedanken war es richtig nebensächlich und wurde für mich total unbedeutend, daß wir an der heutigen Grenze wegen eines fehlenden Visums von mitfahrenden kanadischen Staatsbürgern aufgehalten wurden. Diese Fragen hat unser Reiseleiter Herr Dr. Kelm auch schnell mit viel Geschick klären können, da nun eben das Visum in Berlin geholt worden ist. Hier ging es zum Glück nicht um existentielle Fragen wie in den Zeiten der Flucht, sondern nur um kleinkarierte, bürokratische Hemmnisse. .

Nach einer langen Nacht im Bus sind wir am frühen Morgen in unserem Domizil der Ferienhaussiedlung in Slesin am schönen Schlüsselsee eingetroffen und konnten unsere Quartiere für die nächsten Tage beziehen. Auch hier fiel es leicht, in der Zeit, die zur freien Verfügung stand, neue Bekanntschaften zu machen. Wobei es fast immer nach dem gleichen Schema ablief: .

Wo wohnt Ihr? Aus welchem Ort in Bessarabien stammen Eure Vorfahren?Wo seid Ihr geboren? Sucht Ihr auch Euren Geburtsort hier in Polen?Damit ergab sich schon eine ganze Menge Gesprächsstoff, der für viel gegenseitiges Interesse gesorgt hat, was auch soweit ging, daß zum Beispiel auch lustige Gespräche über bessarabische Kochrezepte geführt werden konnten, auch wenn die heutige Lebens- und Kochweise nicht mehr der damaligen Weise der Eltern und Großeltern entsprach oder entspricht. So konnten auch bestimmte Ausdrücke ( z.B. Maslenen, Harbusen, Gugommer, Welschkorn usw.) wieder in Erinnerung gebracht werden und konnten den Partnern erklärt und übersetzt werden. .

Die erste Ausfahrt führte richtigerweise an die Gedenkstätte mitten im Wald bei Slesin und hat alle Reiseteilnehmer tief beeindruckt. Es ist der Landsmannschaft unter der Leitung von Herrn Dr. Kelm dort gelungen, eine Stätte zu schaffen, die die Erinnerung an die schrecklichen Zeiten aufrechterhält und immer davor warnen wird, daß solche Ereignisse nie mehr geschehen dürfen. .

Herr Dr. Kelm berichtete von der Entstehung der Gedächtnisstätte an der Stelle des Massengrabes ???? und von seinem persönlichen Schicksal, das an diesem Ort so schreckliche Auswirkungen hatte. Ein wichtiger Beitrag war bei diesen Ausführungen, daß es gelingen muß und die Wege dazu geebnet werden, daß die Völkerverständigung klappt und durch Freundschaft und gegenseitiges Verstehen und Vertrauen der Friede auf Dauer besteht und erhalten bleiben muß. .

Die anschließende Andacht mit dem polnischen Pastor von Konin zusammen mit Herrn Pastor Arnulf Baumann über das Thema "Gedenken" brachte dies alles den Teilnehmern klar zum Bewußtsein. .

Weiter ging es zu dem beeindruckenden neuen Dombau der katholischen Kirche in Lysek, den uns unser Dolmetscher und polnischer Reiseführer Herr Professor Lange ausführlich erklärt hat. .

Am Abend wurde dann das Programm für den nächsten Tag vorgestellt und die Reiseziele ermittelt, damit jeder seinen Ort finden kann. Ein Bus ging dann am nächsten Tag nach Nordosten Richtung Hohensalza, Bromberg, Thorn, Briesen, ein weiterer Bus in Richtung Kutno, dem wir uns an diesem Tag anschlossen. Für spezielle Orte, die nicht an den Buslinien lagen, wurden noch einige Kleinbusse zum Einsatz gebracht. .

Unsere Ausfahrt startete über die damalige Fluchtstraße, auf der die Menschen vom Osten Richtung Westen flüchten mußten. Bei dem schönen Sonnenschein, den wir hatten. fiel es nicht leicht, sich vorzustellen mit wie viel Leid die Menschen auf den Pferdewagen im Schnee, Eis und bitterster Kälte zu Beginn des Jahres 1945 vor der nachrückenden Russenwehrmacht flüchteten. .

Genauso schwierig war es nachzuvollziehen, welch grausame Schicksale sich genau an diesen Stellen abgespielt haben, da ja den meisten Flüchtlingen aus den östlichen Gebieten von Polen die Flucht damals nicht gelungen ist und viele, die die schrecklichen Tage und Wochen auf den Straßen überlebt haben, dann doch wieder zurück mußten. .

In manchen Gesichtern im Bus sah man große Betroffenheit wenn den Reiseteilnehmern etwas bekannt vorkam und ihnen die Erinnerungen aus der Kinderzeit wieder vor Augen standen. Dies waren zum Teil Erinnerungen an glückliche Kindertage, aber auch schreckliche Erinnerungen an die Zeit nach der Flucht und die Gefangenschaft in Polen oder gar in Sibirien. .

Besonderen Eindruck hat eine Frau auf mich gemacht, die sehr aufgeregt war und plötzlich neben der Straße in einem kleinen Ort noch Baracken entdeckt hat,in denen sie nach der Flucht mit 40 und mehr Leuten in einem Raum leben mußte und die Gebäude sah in denen sie schon als kleines Kind Schwerstarbeiten unter Schlägen zu leisten hatte. Man sah plötzlich, wie diese Zeit mit Hunger, Angst und schlimmsten Erinnerungen ihr wieder klar vor Augen stand. .

In Kutno sahen wir eine schöne Kleinstadt, in der an diesem Samstag ein lebhaftes Treiben herrschte und die auf uns einen sehr guten Eindruck machte. Ein lieber, sehr gut deutsch sprechender Bewohner aus Kutno unterstützte die Reisegruppe spontan und half bei der Vermittlung von Taxis für die Gäste, die ihre einstmaligen Wohnorte suchten und selbständig auf weitere Touren gingen. .

Da in diesem Bus viele Teilnehmer waren, die in Kutno oder der nächsten Umgebung gelebt haben, kamen ganz tolle Erinnerungen auf. Die ehemaligen Schulen wurden besucht und Versuche unternommen, noch einmal im Klassenzimmer auf der ehemaligen Schulbank Platz zu nehmen. Das Rathaus wurde bewundert, die damalige Zentrale der nationalsozialpolitischen Partei wurde gefunden, die erstaunlicherweise oder treffenderweise, wie uns der nette junge Mann aus Kutno erklärte, nach dem Krieg lange Jahrzehnte die Zentrale der dann kommunistischen Partei war. .

Auch die Geschäfte waren noch vorhanden, in denen die Eltern Kleider und sonstige Waren eingekauft haben; das große Vergnügungshaus, das damalige Kino wurde wiederentdeckt und es wurde von den alten Filmen wie "Der Herrenreiter" oder "Quax der Bruchpilot" geschwelgt. Aber auch Erinnerungen kamen auf, daß die schöne katholische Kirche, die damals die polnische Bevölkerung nicht mehr nutzen durfte, als Getreidelager verwendet worden ist. Die kleine evangelische Kirche konnten wir dann auch besuchen und erfuhren, daß die ganze evangelische Kirchengemeinde nur noch aus 28 Mitgliedern besteht. Geführt wurden wir dort von der Frau eines ehemaligen Lehrers, die damals nach dem Krieg in Kutno geblieben war. .

Auf dem ehemaligen Bauernhof der Familie Kelm warteten schon die Familienmitglieder der einstigen und jetzigen polnischen Eigentümer. Diese Familie freute sich sichtbar über den guten Kontakt, der heute mit der Familie Kelm besteht. In dem Gespräch wurde das damalige Verhältnis der einstigen Besitzer und der "Eindringlinge oder Vertreiber" offen angesprochen. Dabei kam klar zum Ausdruck, daß das Unrecht, das der polnischen Bevölkerung damals geschehen ist, den neu angesiedelten Familien wohl bewußt war. Dieses Unrecht der Vertreibung der polnischen Eigentümer konnte in den damaligen Zeiten nicht verändert werden, es war aber möglich, auf den zwischenmenschlichen Ebenen, trotz Strafandrohungen, Verhaltensweisen zu zeigen, die ein einigermaßen menschenwürdiges Zusammenleben ermöglichte. .

Diese Gespräche wurden von Herrn Prof. Dr. Ziebart für ein Filmdokument festgehalten, das sicher in Kürze mit vielen anderen derartigen Gesprächen über die Landsmannschaft nachgefragt werden kann. .

Der Sonntag stand nun für meine persönliche Suche nach meinem Geburtshaus in Polen zur Verfügung. Unser Bus startete nach Westen in Richtung Posen und es kam schon leichte Spannung auf, denn nach 60 Jahren den Ort zu sehen, an dem man geboren ist, ist ja nicht gerade ein alltäglicher Ausflug. .

Nach dem ersten Halt in Posen haben wir uns über den Ausgangspunkt der persönlichen Suche abgestimmt. Für den Start der Reise zu meinem Geburtsort Klein-Kroschin kam sowohl Samter (Szamotuly), als auch Obornik (ca 40 km nordwestlich von Posen) in Frage. In Absprache mit unserem Begleiter Herrn Professor Lange brachte uns der Bus nach Obornik. .

Dort fanden wir ein Taxi mit einem etwas deutsch sprechenden Fahrer, der sich sehr begeistert und engagiert über den Auftrag unserer Suche zeigte und sich den Erfolg schon vom Start an zu seiner persönlichen Sache gemacht hat. So stand also dem Start von mir, meiner Frau Hannelore, meinem Vetter Helmut Issler und seiner Frau Lisa nichts mehr im Wege. .

Unser erster Zielpunkt auf dem Weg nach Klein-Kroschin war der Ort Polajewo (früher Güldenau), da vom dortigen Standesamt meine Geburtsurkunde und von der Kirchengemeinde mein Taufschein ausgestellt worden waren. Unsere Fahrt ging in die Ortsmitte zur ehemaligen evangelischen Kirche. Auf dem Kirchplatz fand unser Fahrer einen Bekannten, der ihm erklärte, daß wir in Klein-Kroschin die 96jährige Budnerowa, also eine Frau Budner finden können, die sehr gut deutsch spricht und noch alles wissen würde. .

Wir ließen auf der weiteren Fahrt die Umgebung auf uns einwirken. Die flachen Felder und Wiesen, die ab und zu von Baumreihen unterbrochen wurden, zeigten uns den Lebens- und Arbeitsraum, in dem meine Eltern, Heinrich Schäfer und Frieda Schäfer geb. Wahler, in der kurzen Zeit von Ende 1941 (Ansiedlung) bis Anfang 44 (mein Vater fiel bereits am 28.1.1944 an der Ostfront) bzw. bis zur Flucht Anfang 1945 gelebt und gearbeitet haben. .

Jetzt kam das Ortsschild KROSINEK (Klein-Kroschin), ich hatte mein erstes Ziel erreicht. Bei Klein-Kroschin handelt es sich um einen kleinen landwirtschaftlich geprägten Ort mit ca 50 Häusern, (ca 250 Einwohner), der sich seit 1945 um nur ca 10 Häuser erweitert hat. Viele Häuser und Gebäude sind zwischenzeitlich auch ausgebaut, erweitert und renoviert worden. Die Ortsstraße machte einen sehr gepflegten, anheimelnden und sauberen Eindruck auf uns. .

Im Haus Nr. 11 öffnete uns dann die 96jährige noch sehr rüstige Frau Cäcilie Budner die Tür und bat uns in ihr Wohnzimmer. Sie sprach perfekt deutsch, denn sie war 1929 zusammen mit ihrem Mann aus Hamburg nach Klein-Kroschin gekommen. Warum?? Sie hatten sich dort ihr Haus gekauft und Frau Budner betrieb über lange Zeit den einzigen Tante-Emma-Laden im Ort. .

Die große Gastfreundschaft brachte es mit sich, daß sie uns erst mit Kaffee bewirtete, bevor wir auf unser Anliegen zu sprechen kommen konnten. Ich erklärte ihr, daß ich in Klein-Kroschin geboren bin und nun das Haus suche, in dem ich das Licht dieser Welt erblickt habe. .

Sie konnte sich leider an keine Familie Schäfer erinnern, sondern meinte, das müsse in dem Hauptort Krosin gewesen sein. Auch Bilder von meinen Eltern, die ich vorsorglich mitgenommen hatte, konnten keine Erinnerungen bringen. Von meiner Mutter wußte ich jedoch noch einige Namen von damaligen Nachbarn (Döppner, Giese) und damit entstanden dann die ersten Erinnerungen. Sie sagte uns, daß die von mir erwähnte Familie Döppner im übernächsten Haus, in Richtung Obornik, gewohnt hätte, die Familie Giese hätte auf der anderen Straßenseite gewohnt. .

Das bedeutete für mich, daß ich der Sache sehr nahe gekommen war. Weitere Fakten, die ich noch von meiner Mutter hatte, brachten dann den Hinweis, das könne dann nur das Haus der Familie Kaluba in der gegenüberliegenden Seitenstraße auf der linken Seite sein. .

Jetzt hielt uns nichts mehr zurück, wir gingen die wenigen Schritte in die Straße und suchten das Haus mit den dazugehörenden Gebäuden, trafen aber dort zunächst niemand an. .

Zwischenzeitlich tauchte ein Nachbar von Frau Budner auf, der ebenfalls sehr gut deutsch sprechende Herr Just mit 87 Jahren, der zunächst auch nichts von einer Familie Schäfer wußte. Erst der Hinweis, daß es sich bei der Witwe mit einem kleinen Kind um Umsiedler aus Bessarabien gehandelt hat, weckte seine Erinnerungen und er bestätigte, daß es sich tatsächlich um die Gebäude der Familie Kaluba handelt. Wobei er uns erzählte, daß das früher mit einem Strohdach versehene Wohnhaus schon 1959 umgebaut und erneuert worden war, die landwirtschaftlichen Gebäude aber noch fast im Originalzustand seien. .

Jetzt trafen wir die Familie Kaluba an, die jedoch keinerlei Erinnerungen habe konnte, denn Herr Kaluba ist erst ca. 40 Jahre alt. Er ließ uns übersetzen, daß sein leider schon verstorbener Vater sicher noch vieles gewußt hätte und erzählte uns auch über den Umbau, den sein Vater 1959 vorgenommen hat. .

Wir wurden ins Haus eingeladen und Frau Kaluba zeigte mir das Zimmer, von dem sie vermutete, daß ich dort geboren bin. Leider war der Nachmittag fast vorüber und wir mußten wieder Richtung Obornik starten, so daß wir die Gastfreundschaft, die uns so freundlich angeboten wurde, gar nicht entgegennehmen konnten. .

Im Taxi herrschte eine freudige, aufgeregte Stimmung, war es uns doch gelungen, den Ort und das Haus zu finden in dem ich damals am 23. Januar 1942 geboren bin. .

Sehr erfreut waren wir auch, daß wir uns mit allen Leuten, die wir getroffen haben, ausgesprochen nett und liebenswürdig unterhalten durften und keine Vorbehalte zu spüren bekommen haben, was sicher aufgrund der damaligen politischen Verhältnisse nicht als selbstverständlich angenommen werden darf. .

Mir fiel dabei ein, was mir meine Mutter erzählt hatte, daß sie als junge Frau beim Einzug in dieses Haus, im November 1941, ein sehr ungutes Gefühl hatte, da die Vorbesitzer so ungerecht und gnadenlos vertrieben worden waren, denn als sie die Küche des Hauses betrat, war der Herd noch warm, das zeigte ihr, daß wenige Stunden vor ihrer Ansiedlung eine andere Familie dort daheim gewesen sein mußte. .

Auf dem Rückweg nach Obornik machten wir noch einen Abstecher nach dem nur wenige Kilometer entfernten Beyersdorf (Piotrowa), da wir wußten, daß dort der jüngere Bruder von Helmut Issler mein Vetter Walter Issler am 14.12.1943 geboren ist, da seine Eltern Gottlieb und Elsa Issler geb. Wahler zu dieser Zeit dort gelebt haben. .

Beim Eintreffen am Bus in Obornik und auf der Rückfahrt nach Slesin und auch am Abend ging natürlich das große Erzählen über den erfolgreichen Nachmittag und die Erlebnisse des schönen Tages los und alle Einzelheiten kamen wieder zum Bewußtsein und drängten danach, sie auch den anderen Reiseteilnehmern zur Kenntnis zu bringen. Dabei ging fast unter, daß nicht alle so freudige Erlebnisse hatten, daß leider auch über nicht ganz erfreuliche Besuche berichtet wurde, bei denen sich ganz erhebliche Vorbehalte gegen die Besucher ergeben hatten und zu Foto- und Filmverboten führten. .

Am nächsten Tag reisten wir dann ganz entspannt nach Lodz (früher Litzmannstadt), bewunderten die Landschaft, die Felder und Wiesen mit den typischen oft einzeln auf den Wiesen grasenden Kühen neben den Bauernhöfen. Die Stadt selbst ist sehr beeindruckend und zeigt sich in einer ganz besonderen Pracht, die jedoch noch viel Mühe machen wird, bis die schönen Fassaden und stattlichen Gebäude in ihrer ursprünglichen Schönheit wieder hergestellt und erhalten sind. Ein Spaziergang durch die Hauptstraße zeigte, was schon unternommen wurde, damit alles in neuem Glanz wieder erscheinen kann. .

Diesen Tag beschloß die Reisegruppe am Ufer des Schlüsselsees bei Lagerfeuer und Musik, Wein und Tanz, wobei manches Volkslied stimmgewaltig über den nächtlichen See zu hören war. .

Der erste Schritt Richtung Heimat ging über Posen, das am folgenden Tag ausgiebig besichtigt und bewundert werden konnte. Dort war auch das Hotel für die nächste &UUML;bernachtung vor der Heimreise. .

Wir machten uns jedoch wieder zu viert erneut auf die Suche nach einem Geburtsort, diesmal nach dem von Helmut Issler. In seiner Geburtsurkunde steht Langenweiler im Kreis Wollstein (Wolsztyn). Diesen Ort konnten wir trotz vieler und intensiver Suche auf keiner Karte finden. Damit war es notwendig, daß anderweitige Anhaltspunkte herangezogen werden mußten. Ein Anruf Zuhause erbrachte den Hinweis, daß auf dem Taufschein ein Stempel von Neu-Tomechi zu erkennen war. Somit stand fest, daß die Taxifahrt von Posen ca 70 km nach Südwesten führte. .

An Ort und Stelle fanden wir die Kirche und es wurde uns bestätigt, daß diese während des Krieges als evangelische Kirche genutzt worden war, also war klar, daß Helmut dort im Februar 1942 getauft worden ist. Leider gab es keinen Hinweis auf den Ort Langenweiler. Auch der frühere örtliche Friseur, ein Mann von über 80 Jahren, der auch gut deutsch sprach und sein ganzes Leben dort verbracht hat, konnte sich trotz intensiver Bemühungen an keinen Ort mit diesem Namen entsinnen. .

Wir bekamen dann den Tipp, daß der Ort Milanowa ungefähr Langenweiler entsprechen könnte. Also ging die Fahrt ca. 20 Kilometer weiter nach Süden. In Milanowa besuchten wir mit unserem recht gut deutsch sprechenden Taxifahrer das Gemeindeamt. Dort erfuhren wir ganz große Hilfe, die Damen auf der Gemeinde bemühten sich über ihren Dienstschluß hinaus, uns behilflich zu sein. Sie wälzten ihre Grundakten und Einwohnermeldebücher, telefonierten in der näheren Umgebung mit ihren Kolleginnen in anderen Verwaltungen und taten wirklich alles nur Erdenkliche, um für meinen Vetter Helmut Issler den Geburtsort Langenweiler zu finden, leider ohne positives Ergebnis. .

Etwas enttäuscht, vor allem unsere Lisa Issler, die gerne den Geburtsort ihres Helmutęs gefunden hätte, traten wir die Rückreise nach Posen an. Diese Suche ist aber damit sicher noch nicht aufgegeben, denn offensichtlich handelt es sich bei Langenweiler um einen einzelnen, alleinstehenden Gutshof in der besuchten Gegend, dessen deutscher Name nach über 60 Jahren nicht mehr in den Erinnerungen vorhanden ist. Die weitere Suche ist ein wichtiger Grund für eine nochmalige Reise nach Polen. .

Im Hotel bei Posen erhielten wir nach dem Abendessen in gemütlicher Runde von verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern Berichte über ihre Suchen und die Erfolge und ihre Eindrücke in den letzten Tagen. Damit ergab sich für die Reise eine schöne Abrundung und alle freuten sich, daß sie dabei gewesen sind und in diesen Tagen wieder an die Tage ihrer Jugend- und Kinderzeiten erinnert wurden, oder daß sie das Land und die Orte sahen, in denen sie geboren sind. .

Auch dieser Abend endete wie die vorhergehenden, begleitet von Frau Kelm, mit "Kein schöner Land...." und am Schluß mit "..nun Brüder eine gute Nacht" wobei sich alle Hände zusammenfanden. .

Als bei der Rückfahrt am anderen Morgen wieder die Oder überschritten wurde, diesmal von Ost nach West, wie bei der Flucht 1945, war ich dankbar, daß sich mein Leben, trotz eines Starts in einer solch unglücklichen Zeit, zusammen mit meiner Frau und den Familien meiner Söhne mit den Enkelkindern in Württemberg so schön entwickelt hat. .

8. Juli 2002
Werner Schäfer
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