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Frau Gudrun Kraus:

"Mein Vater ist Berliner, er gehört ja nicht zu dieser Volksgruppe. Mal wollte er mit, dann wieder nicht, und nun sind wir doch hier gelandet und hatten auch das Glück, ein Taxi zu bekommen durch Frau Lange. Der Ort, wo meine Mutter herkommt, ist nicht weit weg von hier. Der Taxifahrer war sehr nett und zuvorkommend. Frau Lange hat mit ihm den Fahrpreis ausgehandelt und wir rein ins Auto nach Wittingen, wie dieser Ort früher hieß. In Wittingen auf dem Marktplatz standen wir nun und der Taxifahrer hat sich ein wenig erkundigt, wie es weitergehen sollte. Der Ort Tiefenbach heißt heute auf polnisch anders. Ich kam auf die Idee, mich bei der Polizei zu erkundigen. Die aber konnte uns auch nicht weiterhelfen.Nachdem wir mehrere Dörfer durchfahren und erkundet hatten, fanden wir endlich in einem Dorf das Anwesen, wo meine Mutter gewohnt hat. Auf dem Nachbarhof war ein älterer Mann bei dem wir uns erkundigt haben. Da fiel das Stichwort Tiefenbach. Und der Mann bejahte sofort und sagte: Ja, ja, hier ist Tiefenbach. Ich sagte den Namen meiner Großeltern und der Leute, die in der Nachbarschaft gewohnt hatten, dann fiel der Name Bessarabien und das war für ihn alles ein Begriff. Meine Mutter war auch mit und die erzählte ihm einiges, soweit er sie verstand. Ein gegenüber wohnender Mann wurde noch befragt, der sich auch an meine Großeltern erinnern konnte.
Wir gingen zurück in das Haus, wo meine Mutter gewohnt hatte, sie sollte sich vors Haus stellen, damit man ein Foto machen konnte. Wir versuchten in das Haus zu kommen. Eine jüngere Frau kam heraus, der versuchten wir unser Anliegen vorzutragen. Sie bat uns ins Haus. Meine Mutter fragte, ob sie das Haus von innen anschauen dürfte. Es wurde ihr erlaubt. Es war wirklich alles sauber und ordentlich. Ich war sehr überrascht und hätte das so nicht erwartet. Die Frau bot uns Kaffee an und es war natürlich schlecht, wir konnten nicht Polnisch und sie nicht Deutsch. Sie führte uns durchs Haus, meine Mutter erkannte auch alles. Und draußen sagte meine Mutter, den Hühnerstall hat mein Großvater noch gebaut. Es war toll, wir habenÕs gefunden und meine Mutter war froh und ich auch, weil es für mich auch persönlich wichtig war, von wo meine Großeltern und meine Mutter her geflüchtet sind, deswegen bin ich auch mitgekommen. Hier ist diese Station, wo meine Großeltern aufgeladen haben und dann auf die Flucht gegangen sind.
Die Geschichte mit dem Pferd möchte ich noch kurz erzählen. Meine Großeltern kamen durch die Flucht nach Platendorf im Kreis Gifhorn. Die gesunden guten Pferde wurde Ende des Krieges noch eingezogen, ein junges Pferd blieb denn bei uns in Platendorf. Dieses Pferd war für mich noch eine persönlich Erinnerung, weil das nicht eingezogen wurde und das durfte da irgendwo auf den Weiden herumlaufen. Wenn ich mit meinem Großvater dann lang gegangen bin, kam Lore das Pferd immer an, denn die kannte mein Großvater und das war für mich persönlich immer sehr rührend, wir haben auch ein Pferd. Als Flüchtling hatte man ja nichts und das war für mich als Kind etwas Schönes." .

Herbert Knöller:

"Ich war bei der Ansiedlung 14 Jahre alt und da nimmt man natürlich schon vieles bewusst auf. Bin aber ohne Erwartungen hier hergekommen. Habe hier keine Bezugsleute, die da waren, und hatte auch keine Verbindung weil sie alle älter waren als ich. Ich nahm an, dass sie sicher schon alle verstorben sind. Am Samstag war der erste Versuch., konnte aber an dem Tag nicht viel ausrichten. Die Dolmetscherin, die aus dem Nachbardorf war, hat uns sehr geholfen. Die Leute die ich sehen wollte, habe ich dann doch ein andermal teilweise getroffen. Eine Bezugsperson war im vergangenen Jahr tödlich verunglückt. Eine Frau, die Kindermädchen bei uns war, die haben wir angetroffen. Wie üblich gab es bei allen eine riesengroße Freude. Schwiegertochter und Tochter mit Sohn, die ich bei dieser Gelegenheit alle kennen gelernt habe, haben uns gleich auf 14 Tage eingeladen." .

< Frau Helga Schlademann:

"Am 5. Mai 2001 führte unsere Reise nach Polen. Gebannt standen wir vor dem schönen Rathaus in Posen und bestaunten die Ziegenböcke, die sich an der Uhr herausdrehten und zwölf Mal die Köpfe zusammenstießen.
Danach setzen wir uns bei herrlichstem Wetter in einen offenen Marktgarten. Auf einmal fuhren etwa zehn Kleinbusse, silbergrau, von Polizei eskortiert, am Marktplatz vor. Es waren nur die Fahrer darin zu sehen. Wenige Minuten später kam vom Rathaus her eine große Gruppe vornehm gekleideter Herren an uns vorbei. Sie hatten alle Namensschilder und waren von Bodyguards und Fernsehkameraleuten begleitet.In der Mitte erkannte ich plötzlich den Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Sigmar Gabriel. Mein Mann musste noch den Kaffee bezahlen, aber ich eilte mit schnellen Schritten der Gruppe zu und wollte gern Gabriel mal näher sehen. Eine ältere Dolmetscherin erklärte dem Ministerpräsidenten gerade in deutscher Sprache, wie anstrengend und umfangreich die Renovierungsarbeiten an den alten Gebäuden seien. Sie sprach von den vielen polnischen Städten. Ministerpräsident Gabriel gab ihr zu bedenken, dass die Namen deutsch seien, so hätte er es in der Schule gelernt. Noch heute würden wir in Erinnerung an die alte Heimat in unseren Städten Straßennamen nach ihnen benennen, wie zum Beispiel: Danziger Straße, Breslauer Straße etc. Hannover sei z .B. Patenstadt von Posen. Gabriel erklärte dieses sehr bestimmt und sachlich. Die Gruppe ging dann weiter und ich wollte die wenigen Schritte zurück zu meinem Mann und zu den Anderen. Unterwegs traf ich auf Propst Horning und seine Frau und erzählte ihm, daß Gabriel da sei. Das Lustige dabei war, dass er mehrmals fragte und nicht begreifen wollte, von welchem Gabriel ich sprach. "Der Gabriel ist da! Der Gabriel ist da!" , rief ich ihm zu. Und er: "Was fürÕn Gabriel?" Vielleicht dachte er als Propst an den Engel Gabriel und ich an den Ministerpräsidenten aus Hannover. Als Propst Horning begriffen hatte, um wen es sich handelte, da rannte er der Gruppe hinterher, um zu fotografieren.
Die Dolmetscherin unterbrach gerade ihre Erklärungen und Propst Horning sagte: "Schön, Herr Ministerpräsident Gabriel, Sie hier in Posen begrüßen zu können. Herzliche Grüße aus Schleswig-Holstein." Und ich sagte: "Und aus Niedersachsen." Gabriel kam auf uns zu und begrüßte uns per Handschlag und erkundigte sich nach unserem Besuch in Posen. Herr Horning erzählte von der bessarabischen Landsmannschaft und den zwei Bussen, mit denen wir gekommen und dass wir auf "Spurensuche in der alten Heimat" sind. .

Gabriel fragte, ob wir Erfolg gehabt hätten. So erzählte ich, dass ich auf dem Boden gestanden hätte, auf dem ich 1942 in Gnieschau, Kreis Dirschau, geboren bin. Seine Nachfrage galt den Gebäuden dort. Er selbst käme aus Ostpreußen und vom Elternhaus habe er nichts mehr vorgefunden. So erzählte ich, dass mein Mann und ich mit einer Handzeichnung und Notizen meines 85-jährigen Vaters, Immanuel Ruff aus Alt-Elft, Bessarabien, auf diese Reise gegangen seien (meine Mutti ist tot und hieß Magdalena, geb. Hämmerling).Als wir Gnieschau suchten, kamen wir erst durch Subkau, dort war der Friedhof, auf dem mein Opa August Hämmerling, ein Onkel und ein Neffe begraben wurden. Vier alte Kindergräber fanden wir, dort legten wir Blumen nieder und sprachen ein Gebet.
Wenige Kilometer weiter war dann Gnieschau und dort fragten wir ein Ehepaar nach einer Familie Gill. Der Vater Gill und zwei von sechs Kindern waren bei uns damals beschäftigt.
Katharina war unser Hausmädchen. Die Auskunft ergab, es gab noch Gills im Ort und sie wiesen uns den Weg. In einem Garten vor dem Haus stand ein älterer Mann und dem zeigte ich Papas Aufzeichnungen und die Namensliste der Gills. Plötzlich schloss er seine Arme um mich und sagte: "Ich bin Anton Gill, mit dir Helga und deiner Schwester Lilli, habe ich immer gespielt."Das Hausmädchen Katharina wurde noch schnell geholt (heute eine 77-Jährige) und sie zeigten uns unseren 1945 verlassenen Hof. Es war nur noch der alte Kuhstall vorhanden. Katharina stellte mich mitten in den jetzigen Blumengarten und sagte: "Hier bist Du geboren!" Die Gefühle bei diesem Wiedersehen mach 56 Jahren kann man schwer beschreiben.
Von herzlicher Gastfreundschaft haben alle Reiseteilnehmer bei dieser Reise gesprochen. Dann erzählte ich Ministerpräsident Gabriel noch, dass wir auch Landwirtschaft in Niedersachsen betreiben und wir erstaunt wären, wie gut in Polen die Felder alle bestellt seien. Gabriel fragte nach meinem jetzigen Zuhause. Und ich erwiderte Der Stil ist märchenhaft literarisch: Nachdem wir 1945 Westpreußen verlassen hatten, wirtschafteten wir zunächst auf einem Pachthof in Pröbsten Kreis Fallingbostel und seit 1957 ist unsere Heimat in Harpe im Kreis Lüchow-Dannenberg. Das war Gabriel natürlich ein Begriff durch die Kastor-Transporte in Gorleben. Er wünschte uns weiter guten Erfolg, und jetzt erst sah ich, dass die ganze Gruppe um uns stand und alles wurde mit der Fernsehkamera aufgezeichnet." .

Maria Brock geb. Reim aus Arzis:

Ich bin in Polen.
Ein so lange gehegter Wunsch, nochmals an den Ort zu kommen, an dem mein Vater auf tragische Weise ums Leben kam.
Aber: das Dorf Schöngrund schien es nie gegeben zu haben. Herr Lange bemühte sich sehr, doch auch in den Aufzeichnungen der ehemals deutschen Ortsnamen war kein Schöngrund zu finden. Doch Herr Motz, der einst auch im Kreis Wielun mit seinen Eltern angesiedelt war, machte mir Mut.
Ich bin dem Ehepaar Motz sehr dankbar, denn ich durfte am Sonntag mit ihnen nach Wielun und versuchen, Schöngrund zu finden. Sie haben alles Gesuchte gefunden, ließen sich jedoch nicht viel Zeit mit ihrer Besichtigung; denn sie wollten mir helfen, mein Dorf zu finden.
So fuhren wir weiter nach Grabow, von dem ich nur wusste, es ist ein Städtchen, das nur ca. 3 Kilometer von Schöngrund entfernt sein muss. Wir standen jedoch unter Zeitdruck, da wir wieder zum Bus zurück mussten. Als wir Grabow verließen, hatte ich das überstarke Gefühl Š ich bin da - . Ich war sehr traurig. Zwei liebe Frauen an unserem Tisch bestärkten mich darin, nochmals zu versuchen, Schöngrund zu finden.
Herr Motz begleitete mich also am Montag. Er hat sich sehr bemüht und ließ nichts unversucht. Wir hatten den Vorteil dass unser Fahrer etwas Deutsch sprach.
In Grabow angekommen, befragten die beiden alle älteren Menschen die uns begegneten, aber niemand wusste Bescheid, es schien aussichtslos. Unsere letzte Rettung schien uns, aufs Amt zu gehen. Ich blieb im Taxi und meine Hoffnungen waren auf dem Nullpunkt und ich betete: "Lieber Gott, hilf du!"Ich wollte doch so gern zum Friedhof. Und da war auch noch der Wunsch, herauszufinden, ob der ehemalige Knecht "Marian" noch lebt, der uns in dem überstürzten Aufbruch damals so sehr geholfen hatte. Er sorgte dafür, dass genügend Futter für unsere Pferde auf den Wagen war; denn sonst hätten wir es wahrscheinlich nicht geschafft durchzukommen.Bei ihm wollte ich mich, sollte er leben, unbedingt bedanken. .

Nach einiger Zeit, es schien mir eine Ewigkeit zu sein, holte man mich in das Büro, in dem bereits zwei junge Frauen bemüht waren uns zu helfen. Die Jüngere hatte schon einige Telefonate geführt, unter anderem auch mit ihrem Vater. Als wir schon aufgeben wollten,, rief ihr Vater zurück, er hatte den jetzigen Namen für Schöngrund herausgefunden. Nun war es mit meiner Beherrschung vorbei und ich heulte los.Als wir uns für die Hilfe bedankt hatten, fuhren wir sofort los.
Im Dorf Schöngrund war es dann nicht mehr schwer, mich zurecht zu finden. Wir wurden zu einer Frau geschickt, die sich sehr gut auskannte. Als ich ihr den Namen sagte, der an der Hauswand angebracht war, wusste sie sofort Bescheid. Ich konnte mein Glück nicht fassen, der Mann lebt und wir befanden uns auf seinem elterlichen Hof. Wir wurden sehr herzlich empfangen. Die Frau des Knechtes Marian nahm mich immer wieder in den Arm und sagte: "Wir verstehen uns auch ohne Worte."
Der Sohn von Marian war auch anwesend, er sprach sogar etwas Deutsch. Als dann auch noch seine Frau kam, um uns zu begrüßen, sagte sie zu uns: "Sie sind doch gestern in einem Taxi hier durchs Dorf gefahren."Seltsam, ich hatte also mit dem Gefühl von gestern recht.Die junge Frau hat dann die Haustür abgeschlossen. Wir durften erst gehen als wir bei ihnen gegessen hatten. Ich wurde eingeladen doch für einige Tage zu ihnen zu kommen. Nachdem wir dann auch noch den Friedhof aufgesucht hatten, war ich voll des Dankes. Ich konnte mein Glück nicht fassen und war auch am Abend in Slesin nicht fähig, meine Erlebnisse zu schildern." .

Edwin Kelm

: "Der Abschluss der 6. Studienreise war heute noch mal für mich ein Höhepunkt. Ich durfte mich mit Helmut Willging (1934) und seinen Brüdern, Waldemar (1936) und Gerhard Willging (1940) auf den Weg machen und wir haben Sankt Johannes gefunden, eine Gemeinde zwischen Landsberg und Küstrin an der Oder. Wir fanden das Dorf. Wir fragten die Leute, ob ihnen was bekannt sei, was hier 1945 wie sich so zugetragen habe, ob noch Gräber da seien. Und da sagte einen Frau nach langem Zögern: Gehen Sie ins Nachbarhaus, dort war über viele Jahrzehnte ein Grab im Garten. Wir gingen dann auch da hin. Aber wir waren dann überrascht, als die Frau aus dem Nachbarhaus von selbst sagte: Dort unter dem Kastanienbaum, da liegen Tote begraben. Und wir fuhren dann mit Erleichterung unseren Weg weiter. Sind doch die drei Brüder Willging deshalb nach Sankt Johannes gereist, weil sie es miterlebt haben, wie ihr Vater mit dem Bauernsohn des Hofes 1945 von russischen Soldaten erschossen wurde. Und er wurde dann auch am nächsten Tag im Garten begraben. Das haben die Kinder von damals, die jetzt als Männer zurückgekehrt sind, bewusst erlebt. Und sie sind dankbar, dass sie, wenn sie nach Hause kommen, ihrer betagten Mutter mit 92 Jahren sagen können: Mutter, wir waren in Sankt Johannes, wir waren dort, wo der Vater im Januar 1945 mit 36 Jahren erschossen wurde.
Es war auch wieder Spurensuche. Das sich auch noch jetzt am letzten Tag die Möglichkeit ergeben hat, dafür sind wir, zusammen mit den Brüdern Willging, sehr dankbar." .

Nachtrag

:Bis auf ganz Wenige haben alle ihr Ziel und ihren Wunsch erreicht. Das merkt man an den vielen Berichten, die uns von den Reisenden erzählt werden. Die Menschen, die besucht worden sind, werden noch lange davon sprechen. Es war wieder ein großes Erlebnis. Es kommt etwas zustande, und das ist der Sinn dieser Reise gewesen: Versöhnung, Verständigung und Völkerfreundschaft. So lange der Wunsch da ist, die Polenreisen durchzuführen, wird es immer wieder schöne Begegnungen geben. Was wir eigentlich tun, ist "Spurensuche in der Vergangenheit". Wenn wir diese Besuche in Polen nicht mehr machen und nicht mehr davon sprechen, dann wird das nach uns niemand mehr tun. Was wir Bessarabiendeutschen in Polen erlebt haben, soll für die Geschichte erhalten bleiben. Wenn wir uns mit der Geschichte, mit der Vergangenheit nicht mehr beschäftigen und auseinander setzen, wird sie uns verloren gehen. Wir sind also Botschafter, wir sind Menschen, die zueinander kommen, damit sich solch Schreckliches, was wir als Kinder erlebt haben, nicht mehr wiederholt. Unsere Aufgabe ist: Zur Verständigung und zum Frieden beizutragen.
Ein sichtbares Zeichen ist die Gedenkstätte bei Slesin, die an die vielen Toten: Männer, Frauen und Kinder erinnert. Diese Gedächtnisstätte mahnt uns alle zur Versöhnung und zum Frieden. .

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